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AbstractZahlreiche Studien belegen, dass die seit Jahrzehnten attestierte, so genannte Softwarekrise immer noch nicht überwunden werden konnte. Ein nicht unerheblicher Teil aller Projekte in der IT-Branche werden mit problematischem Ergebnis beendet oder scheitern gänzlich. Und je größer das Projekt, umso überproportional schlechter ist die Erfolgsquote. An der Bereitschaft zur Planung kann es kaum liegen. Eher an der Möglichkeit dazu, denn es mangelt immer noch an den essentiellen theoretischen Grundlagen der Informationstechnik. Es geht also ums Geld, um viel Geld. Konkreter kann man die eher philosophisch klingende Frage nach dem Wesen von Information einfach nicht begründen. An jeder Straßenecke eine BauruineDie IT-Branche steht immer noch vor fundamentalen Problemen bei der Bewältigung ihrer AufgabenWer trotz aller bisher vorgebrachten Argumente bei der Frage nach dem Informationsbegriff immer noch an ein weltfremdes Herumphilosophieren denkt, der braucht nur den Brockhaus aufzuschlagen. Immerhin steht dort schwarz auf weiß geschrieben, dass in heutiger Zeit eine der wichtigsten Ingenieursdisziplinen offensichtlich immer noch vor fundamentalen Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihrer Aufgaben steht. Denn dort findet sich unter dem Stichwort »Softwarekrise«: „Ende der 1960er-Jahre geprägter Begriff für die immer komplexer und damit fehleranfälliger werdende Software [...]. Ungeachtet der Fortschritte in der Softwaretechnik spricht man auch heute noch von einer Softwarekrise." [Brockhaus-05] In der konkreten Praxis hört sich das – ganz lakonisch – so an: „Neue Software zu entwerfen ist teuer und endet häufig als Fiasko." oder noch konkreter: „Vier Millionen Euro und drei Jahre Arbeit waren bereits in den Sand gesetzt worden." (beides Zitate aus [Sixtus-04]) Dass dies kein seltener Ausnahmefall sondern eher gängige Praxis ist, zeigen die oft zitierten Studien der Standish Group Inc., in denen Daten über Erfolgsraten und -faktoren von IT-Projekten weltweit zusammengetragen werden. Gemäß des regelmäßig herausgegebenen so genannten CHAOS-Reports „wurden im Jahr 2004 29% der Projekte erfolgreich und 53% der Projekte mit Veränderungen abgeschlossen. 18% der IT-Projekte scheiterten“ – [Chaos-04] nach [Success-06] S. 17. Die Formulierung »mit Veränderungen abgeschlossen« bedeutet, dass diese Projekte den geplanten Zeit- und Budgetrahmen klar überschritten oder im Funktionsumfang deutlich gekappt werden mussten. Ein interessante Randerscheinung an dem CHAOS-Report ist die recht üppige Preisgestaltung. Diese könnte die vage Vermutung aufkommen lassen, dass hier die gestressten, entnervten und in die Ecke getriebenen IT-Projektmanager als Geldquelle entdeckt worden sind und ihnen für viel Geld ein letzter Strohhalm angeboten wird. Die deutsche Studie SUCCESS 2006 steht auch aus anderen Gründen dem CHAOS-Report eher skeptisch gegenüber und hat alternative Daten für Deutschland veröffentlicht. Demnach werden 20,7% aller Projekte mit einer Projektdauer von mehr als 12 Monaten in die Erfolgskategorie »Mangelhaft« eingeordnet. - [Success-06] S. 241. Bei der Gesamtheit aller beurteilten Projekte werden 11,1% als mangelhaft eingestuft. [Success-06] S. 289. Daran ist besonders bemerkenswert, dass dem allgemeinen Tenor der Studie und ihrer externen Kommentierung nach, dieses Ergebnis als ein überwiegend positives angesehen wird. Immerhin werden dann ja rund 80% bzw. 90% aller Projekte irgendwie bis zur Ziellinie getragen. Dieser bescheidene Anspruch fällt dann wohl unter die Erfahrung: Besonders schön ist es, wenn der Schmerz nachlässt. Und es zeigt, dass man aufgrund anderer Studien offensichtlich Ärgeres erwartet hatte. Auch in [Success-06] wird eine ganz klare Korrelation zwischen Projektgröße und schlechter Erfolgsquote festgestellt. Und gerade in diesem Punkt sind sich alle Studien einig: Je größer das Projekt, desto unverhältnismäßig größer werden auch die Probleme damit. Das mag zum Teil in der Natur von Projekten überhaupt liegen und ist daher auch in anderen menschlichen Tätigkeitsbereichen zu beobachten. Bei IT-Projekten nimmt dies jedoch besonders ruinöse Züge an. So werden nach einer Studie von Ernst & Young im IT-Bereich der Schweiz „Grossprojekte über 3 Millionen [CHF ... ] fast zu einem Drittel ohne Ergebnis abgebrochen.“ - [E+Y-02] S. 2. Meine Diagnose zur Erklärung dieses allgemeinen Phänomens lautet: Es mangelt an einer dem Gegenstandsbereich wirklich angemessene Grundlagentheorie. Daher fehlen verbindliche Vorgaben und ein passendes Vorstellungsmuster (Paradigma) darüber, nach welchen Kriterien ein großes Software-Vorhaben sinnvoll in leichter handhabbare Teilkomponenten zu zerlegen ist. Es fehlt das, was in der Statik als »Freimachen« bezeichnet wird, die Abstraktion eines technischen Gegenstandes oder einer technischen Aufgabe auf das eigentlich Wesentliche. In dem Artikel „Vom Logikgatter zum Datenbankmodell“ gehe ich näher auf diesen Punkt ein. Die von den Studien herausgegebenen Zahlen weichen mitunter wesentlich voneinander ab. Sie zeichnen aber in ihrer Gesamtheit eine IT-Branche, die vor allem bei kundenspezifischen Einzelentwicklungen nach wie vor erhebliche Probleme hat. Es stellt sich allerdings schon die Frage, inwieweit damit auch schon ein realistisches Bild gegeben ist. Eine Erklärung für die unterschiedlichen Zahlen könnte die Folgende sein: Die primäre Wissensquelle all dieser Studien sind notwendigerweise die Manager und andere Beteiligten von IT-Projekten. Doch gerade diese werden vermutlich nicht allzu viel Motivation verspüren, vermeintlich oder tatsächlich selbstverschuldete Misserfolge auch noch schriftlich dokumentiert zu sehen. Zudem ist die menschliche Phantasie zur Uminterpretation von unerwünschten Ergebnissen nicht gerade schwach ausgeprägt. Dies lässt vermuten, dass die Studien zumindest im Durchschnitt keine allzu unrealistisch negative Situation darstellen. Am Ende können wir zur Veranschaulichung der Gesamtsituation in der Softwareentwicklungstechnik nur noch Peter Kath beipflichten: "[...] auch wenn sich die statistischen Aussagen zahlenmäßig unterscheiden, so ist der Befund doch eindeutig: Wenn dasselbe für Bauvorhaben gelten würde, so stünde an jeder Straßenecke eine Bauruine." – [Kath-06] S. 30. (vgl. hierzu auch den Artikel: »Kathedralenbau auf tönernen Füßen«.) Sollten Sie auch Antworten auf die von mir aufgeworfenen Fragen suchen? Dann lassen Sie sich rechtzeitig von dem Erscheinen meines Buches »Was ist Information? — Die Antwort« informieren. Bitte bestellen Sie hier einen Newsletter. Lesen Sie bitte weiter in dem Artikel »Warum funktioniert ein Computer?« in dem eine naturwissenschaftlich motivierte Begründung der Frage nach dem Informationsphänomen gegeben wird. Oder: Was ist - aus naturwissenschaftlicher Sicht - eigentlich ein Computer? |
© Michael Symonds
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