© Michael Symonds 2008
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Abstract

Spitzt man einige meiner Kernaussagen zu, dann klingen sie recht unglaubwürdig: Die IT-Branche weiß nicht, was sie tut und die Informatik bemerkt ein fundamentales Grundlagenproblem nicht? Der Artikel »Kathedralenbau auf tönernen Füßen« soll plausibel machen, dass zumindest die prinzipielle Möglichkeit dazu besteht. Er zeigt uns durch einen Blick in die Geschichte von Wissenschaft und Technik, dass offensichtliche technische Erfolge noch nicht belegen, dass man einen Gegenstandsbereich wirklich schon theoretisch durchdrungen hat. Wissen, im eigentlichen Sinne wie wir diesen Begriff verstehen, ist also keine zwingende Voraussetzung für erfolgreiches praktisches Handeln.

Kathedralenbau auf tönernen Füßen

Wie man auch mit dem Trial & Error-Prinzip Beeindruckendes leisten kann

Diese Artikelserie basiert auf der These, dass die Informatik ihre eigentlich fundierende Grundlagentheorie noch immer nicht formuliert hat und wir daher über keine grundlagenwissenschaftliche Theorie verfügen, die uns angibt, was es eigentlich mit der Informationsverarbeitungstechnik auf sich hat und warum wir sie überhaupt betreiben können. Welche Beschaffenheit hat diese Welt. dass wir in ihr erfolgreich Computer bauen und betreiben können?

Angesichts der rasanten Entwicklung, die die Computertechnik in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, dürfte ein solche Frage einigermaßen absurd klingen. Es soll eine weltumspannende Computerindustrie geben, die nicht wissen soll, wie sie das schafft, was sie erschafft? Die Informatik soll ein fundamentales Grundlagenproblem schlichtweg nicht bemerken?

Wer meine These per se für Unsinn hält, der unterstellt allerdings, dass ein technischer Erfolg, der zugegebenermaßen einen ziemlich beeindruckenden Umfang hat, nur dann errungen werden kann, wenn ein tiefgreifend faktisches Wissen über den entsprechenden Gegenstandsbereich vorliegt. Und er setzt generell voraus, dass Wissen eine notwendige Voraussetzung für erfolgreiches Handeln ist und dass man um so erfolgreicher ist, je mehr man weiß. Die Beziehung zwischen Wissen und erfolgreichem Handeln möchte ich an dieser Stelle auch nicht grundsätzlich in Frage stellen. Allerdings möchte ich anhand von Beispielen aufzeigen, dass praktische Erfolge in einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß auch ohne Wissen im eigentlichen Sinne erreicht werden können. Das ist das Thema dieses Artikels.

Ptolemäus, Phlogiston und andere erfolglosen Erfolge

Beginnen wir mit einem konstruierten, aber dafür recht überschaubaren Beispiel. Stellen wir uns eine Person vor, die regelmäßig Trinkwasser abkocht und das damit begründet, die Hitze würde böse Geister vertreiben. Aus Sicht unseres Wissensstandes ist diese Begründung natürlich Unsinn. Offensichtlich werden dadurch Krankheitserreger abgetötet und der Mensch, der so vorgeht, erspart sich so manches Unwohlsein. Genauso klar ist aber auch, dass die Beobachtungen und Erfahrungen, die »empirischen Befunde«, die unser Geistgläubiger macht, seinen Glauben bestätigen werden und er darum gute Gründe hat, seine Gewissheit für wahres Wissen zu halten. Niemand könnte ihm vorwerfen, er hätte keinen Anlass für seine Theorie von den bösen Wassergeistern. So haben wir also ein Beispiel, wie man trotz falschem oder nicht vorhandenem Wissen durchaus das Richtige tun kann.

Man mag gegen dieses Szenario einwenden, dass es etwas zu schlicht und zu konstruiert ist und dass es bei komplizierteren Verhältnissen sehr viel mehr darauf ankäme, über die wirklich zutreffende Theorie zu verfügen. Warum wirkt dieser Einwand so schlüssig? Weil wir es für einen eher unwahrscheinlichen Zufall halten, wenn man mit der falschen Begründung zum gewünschten Ergebnis kommt. Wir neigen zu der Vorstellung, dass eine falsche Begründung gleichzusetzen wäre mit einer willkürlich, das heißt zufällig gesetzten Begründung. Und wenn dies so wäre, dann wäre es allerdings unwahrscheinlich, dass man mit den falschen Gründen zum gewünschten Ergebnis kommt. Aber diese Sichtweise verkennt, wie Theorien über die Beschaffenheit der Wirklichkeit in aller Regel zustande kommen. Denn die Bildung von Theorien und die empirischen Beobachtungen gehen immer Hand in Hand. Theorien werden nicht frei aus der Luft gegriffen, sondern gründen letztlich immer auf Bewertungen und Reflexionen über tatsächlich gemachte Wahrnehmungen. Das heißt, die Wahrnehmung bzw. ein gewisser Erfahrungsschatz und die passende Theorie werden aufeinander abgestimmt. Theorien die empirisch nicht gestützt werden, erhalten von vornherein keine Unterstützung. Das gilt meiner Überzeugung nach nicht nur im wissenschaftlichen, sondern ebenso auch im vor- und außer-wissenschaftlichen Bereich.

Allerdings möchte ich diese Aussage nur unter Hinzuziehung zweier Relativierungsaspekte verstanden wissen. Zum einen sind Wahrnehmungen ihrerseits abhängig von (Vorgänger-)Theorien, sind also niemals neutrale Wahrnehmungen der Wirklichkeit an sich, sondern immer theoriebedingte Interpretationen von Sinneseindrücken. Die zweite Relativierung bezieht sich auf die Anwendung von Theorien. Denn es gehört zu den elementaren Wesenszügen von Theorien, dass diese verallgemeinert werden. Das heisst, sie werden immer auch auf Fälle angewendet, die nicht mit denjenigen Fällen identisch sind, aufgrund derer die Theorie ehemals aufgestellt worden ist.

Der letztgenannte Problem tritt bei unserem Wasserabkochbeispiel nicht auf (Es sei denn, dass man, wie streng logisch gefordert werden könnte, jeden Wasserabkochvorgang als einen eigenen, singulären Fall betrachten möchte). In dieser Geschichte können wir unterstellen, dass irgendwann einmal die Erfahrung gemacht worden ist, dass abgekochtes Wasser bestimmten Beschwerden vorbeugt. Und weil unsere fiktive Person in einer Kultur aufgewachsen ist, in der es Legenden über böse und gute Geister gibt, so hat sie sich halt vorgestellt, dass ungekochtes Wasser von bösen Geistern besetzt wäre. Die Wahrnehmung des Unwohlseins bei einer Magen-Darm-Verstimmung können wir zwar als genetisch fixiert annehmen, diese Wahrnehmung kann aber nichtsdestotrotz als eine Theorie unseres Körpers angesehen werden, wie gewisse Zustände der Verdauungsorgane zu bewerten sind. Nur dass diese Theorie nicht zur kongnitiven Disposition steht, sondern evolutionsbiologisch unveränderbar verankert ist.

Aber gut, das Wasserabkochbeispiel ist vielleicht etwas zu schlicht, um wirklich schon überzeugen zu können, aber es weist in die richtige Richtung. Echte Beispiele und Fälle zur Untermauerung meiner These, nach der man auch mit den falschen Begründungen durchaus das Richtige tun kann, finden wir in der Geschichte der Wissenschaft und Technik zahlreich vor.

Einer der bekanntesten Fälle ist das Ptolemäische Weltbild, das aus heutiger Sicht ziemlich daneben gelegen hat, mit der aber dennoch mit den falschen Begründungen weitgehend richtige Voraussagen gemacht werden konnten. In bezug auf die Tatsachenkonformität, also der Übereinstimmung mit den Beobachtungsdaten, lag die Ptolemäische Astronomie nicht schlechter als die von Kopernikus vertretene heliozentrische Astronomie. „Das Kopernikanische System [...] stimmte mit den Beobachtungen nicht besser überein als das Ptolemäische, bis es mehr als sechzig Jahre nach Kopernikus' Tode von Kepler einschneidend verändert wurde." ([Kuhn Entstehung] S. 423) Das Ptolemäische System hatte zwar einige Schwächen und Ungenauigkeiten, aber dennoch funktionierte es im Großen und Ganzen und es war über lange Zeit das Beste, was zur Verfügung stand. Nicht ohne Grund hat es sich rund eineinhalbtausend Jahre halten können. Diesem Umstand wird – als generelles erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Phänomen – viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Die Ptolemäische Astronomie hat zu ihrer Zeit die sichtbaren Himmelsvorgänge im Wesentlichen richtig beschrieben. D.h. es lag eine weitgehende Beobachtungskonformität vor, obwohl sie mit unserem heutigen Wissen völlig im Widerspruch lag.

Ein ebenfalls historischer Fall ist die so genannte Phlogistontheorie, nach der in allen brennbaren Materialien und Metallen das so genannte Phlogiston enthalten sein sollte. Man glaubte, dass dieses Element bei Verbrennungen entweichen würde und erklärte sich so eine ganze Reihe von Phänomenen rund um die Verbrennungsvorgänge. Zum Ende ihrer Ära wies diese Theoie zwar immer mehr Ungereimtheit auf – die mit zunehmend mehr Hilfshypothesen wegerklärt werden mussten —, jedoch hat auch sie im Verlauf ihrer ca. einhundertjährigen Geltungszeit eine ansehnliche Zahl von Phänomenen und Experimenten durchaus plausibel erklärt. Auch hier gehe ich davon aus, dass die damaligen Gelehrten nicht einer offensichtlich unsinnigen Theorie aufgesessen sind. Das heisst auch diese Theorie war zu ihrer Zeit wirklich in sich plausibel und überzeugte durch eine weitgehende Beobachtungskonformität. Auch wenn die Phlogistontheorie gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die Entdeckung des Sauerstoffs aus gutem Grund aus der Chemie verdrängt worden ist.

Aber auch dann, wenn eine Theorie schon durch eine andere ersetzt worden ist, bedeutet das nicht, dass die ältere Theorie nicht mehr zur Anwendung käme. So werden etwa die Newtonschen Gesetze nach wie vor in der Raumfahrt verwendet, weil ihre Berechnungen eine ausreichende Annäherung an die tatsächlichen Verhältnisse aufweisen. Denn in aller Regel weisen die relativistischen Effekte weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit keine relevante Größenordnung auf und die hierdurch entstehenden Fehler können vernachlässigt werden.

Ist unser Wissen real oder relativ?

Die genannten Theorien hatten also zu ihrer Zeit Erfolge vorzuweisen gehabt, wiesen eine weitgehende Beobachtungskonformität auf und waren im Rahmen des damaligen Erkenntnisstandes in sich plausibel. Sie haben Phänomene erklärt, sie konnten korrekte Voraussagen machen und ihre Anwendungen haben zu erfolgreichen Ergebnissen geführt - auf jeden Fall aus Sicht der damaligen Zeitgenossen.

Relativierend soll hier allerdings eingeschoben werden, dass sicherlich mitunter bestimmte Ergebnisse allein nur deshalb erfolgreich erschienen, weil man eben an diese oder an eine andere (mittlerweile verworfene) Theorie geglaubt hat. D. h. nur aus Sicht der damals daran beteiligten Personen war tatsächlich ein Erfolg gegeben. Ein vermeintlicher Erfolg, den man ggf. aus dem heutigen Wissensstand nicht mehr als einen solchen bezeichnen würde. Aber dieser Umstand schwächt meine These nicht, denn es kommt allein darauf an, ob eine Theorie aus damaliger Sicht plausibel gewesen ist oder nicht.

Natürlich haben wir zu vielem, was früher einmal gesagt und gedacht wurde, mittlerweile ganz andere Auffassungen. Aber ich lehne grundsätzlich die Vorstellung ab, dass wir uns heutzutage auf einem prinzipiell und qualitativ völlig andersartig abgesicherten Wissensstand befinden. Es ist meiner Meinung nach eben nicht so, dass man früher alles Mögliche kritiklos geglaubt hat — auch nicht in der so genannten vorwissenschaftlichen Ära, als der Himmel noch voller Götter war —, wir aber mittlerweile über ein wirklich abgesichertes Wissen verfügen. Den etwas abfälligen Blick auf frühere Epochen halte ich vor allem für eine Überheblichkeit unserer Zeit. Spätere Generationen werden eines Tages unseren Wissensstand ebenso mitleidig belächeln, wie wir dies unseren Vorfahren angedeihen lassen. Und sie werden in dieser Einschätzung ebenso falsch liegen wie wir heute.

Der Splitter im Auge des anderen

Was ich für diese Position im Wesentlichen in die Waagschale werfe, ist eine Symmetriebedingung, die ich für gegeben halte. Ich gehe nämlich davon aus, dass unsere Urväter und -mütter von ihren grundsätzlichen Anlagen her nicht mehr und nicht weniger kritisch, oder unkritisch, leichtgläubig oder skeptisch waren, als wir dies heutzutage sind.

Man könnte meine Prämisse auch die „Plausibilitätssymmetrie“ nennen, denn wir haben meiner Überzeugung nach keinen Anlass dazu, zu unterstellen, dass aus dem Blickwinkel früherer Generationen heraus deren Weltbild weniger in sich plausibel gewesen ist, als das derzeitige für uns heute ist. Das erscheint nur aus heutiger Sicht so. Es ist uns heute ein Leichtes, viele der damaligen Ungereimtheiten zu erkennen, nur die Ungereimtheiten unseres eigenen Weltbildes, den Balken in unserem Auge, den sehen wir natürlich nicht - vgl. [Matthäus-7,3].

Es gäbe noch sehr viel mehr zu meiner These zu erörtern. Auch auf einige potentielle Gegenargumente müsste noch eingegangen werden. Aber das kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. Auch deshalb nicht, weil meine noch vorzustellende Informationstheorie und ihre ganz spezifischen erkenntnistheoretischen Folgerungen hier vieles sehr viel klarer erkennen lassen werden. Wir werden also diesen Punkt später nochmals aufgreifen.

Als die Kathedralen in den Himmel wuchsen

Ich möchte nun auf eine historische Epoche kommen, die meiner Ansicht nach einige interessante Parallelen mit dem derzeitigen Stand der Softwareentwicklungstechnik und den theoretischen Grundlagen der Informatik aufweist: der mittelalterliche Kirchenbau.

Wenn man sich in die Entstehungsgeschichte der historischen Großbauten – nicht kunsthistorisch sondern vorrangig technisch orientiert – einliest, dann ist es in der Tat erstaunlich, wie sehr man sich mitunter an typische Problemerscheinungen erinnert fühlt, die immer wieder bei IT-Projekten auftreten: Bauvorhaben müssen unvollendet abgebrochen werden, sie erfüllen nicht ihre Zielvorgaben, die Probleme werden im Verlauf des Projekts eher mehr als weniger und am Ende bricht die ganze Konstruktion doch noch in sich zusammen usw. usf. (vgl. den Artikel: „An jeder Straßenecke eine Bauruine“).

Und vor allem: die dominierende Vorgehensweise ist das Trial-and-Error-Prinzip. Mit Einzelschritten aus Versuch und Irrtum hangelt man sich an dem Projekt empor, anstatt es von Grund auf zu planen und gezielt konstruktiv auszuarbeiten. Ich räume ein, dass dies eine ziemliche Schwarz-Weiß-Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ist und vor allem nicht den immer wieder von akademischer Seite propagierten Empfehlungen entspricht. (Die jedoch in der Praxis schon darum nicht umgesetzt werden können, weil es an den, diesem Gegenstandsbereich wirklich angemessenen theoretischen Grundlagen mangelt.) Aber dennoch trifft diese Charakterisierung, zumindest aus meinem Blickwinkel heraus, den eigentlichen Kern der Situation in der derzeitigen Softwareentwicklung.

Sehen wir uns an, wie die damalige Arbeitsweise beschrieben wird. Nach R. Oertel verlief das Bauvorhaben in der Gotik, jener Periode, in der viele der spektakulärsten Sakralbauten in Europa entstanden, „weitgehend unabhängig von vorher festgelegten Projekten, in empirischer Auseinandersetzung mit dem Material und den im Lauf der Bauführung auftauchenden Einzelproblemen. Die architektonische Idee nahm also erst im emporwachsenden Bau selbst ihre endgültige Form an ...“ - zitiert nach [Binding Baubetrieb] S. 192. Nirgends war festgelegt, allenfalls in den geistigen Imaginationen des Werkmeisters, wie genau der Bau am Ende aussehen sollte. Erst nach dem Ende der Gotik wurde überhaupt systematisch vor dem Baubeginn geplant: „[...] einen mit einem Maßstab versehenen Plan kennt man erst seit der Renaissance, also seit dem 15./16. Jahrhundert.“ – Günther Binding in „Als die Kathedralen in den Himmel wuchsen“ – [Binding Himmel] S. 45.

Aus heutiger Sicht ist klar, woran es damals vor allem gemangelt hat. Man konnte die eigentlich erforderliche Planung einfach nicht leisten, dazu fehlte es an den theoretischen Fundamenten. Denn es gab (nach derzeit vorherrschender Lehrmeinung) zur Zeit der großen europäischen Kirchenbauten praktisch keine theoretischen und damit allgemein verfügbaren Erkenntnisse über die Statik von Gebäuden: „Das Mittelalter kannte keine rechnerische Statik in unserem heutigen Sinne.“ - [Binding Himmel] S. 75. Die damaligen Erfahrungswerte, Faustformeln und tradierten Regeln – mitunter religiös motiviert –, waren nicht annäherungsweise mit dem theoretischen Rüstzeug zu vergleichen, das uns heute zur Verfügung steht: „Die Werkmeister stützten sich im Mittelalter auf bewährte Regeln als mündlich überlieferte Erfahrungen.“ - aus [Binding Himmel] S. 76. „Jeweils war die Summe der Erfahrungen Grundlage für eine Entscheidung.“ – ebd. S. 77. Eine andere, immerhin gegenständlich zur Verfügung stehende »Wissensquelle« bestand in den vorhandenen Kirchenbauten. An diesen konnte man studieren, was wenigstens bis zum Besichtigungszeitpunkt nicht in sich zusammengestürzt war: „Die Bezugnahme auf die »Alten« und die Wertschätzung des exemplum, d.h. die Nachahmung alter und bewährter Vorbilder, wird dem mittelalterlichen Meister zur Pflicht gemacht.“ – ebd. S. 76. Mitunter zeigten sich die Schwächen einer Konstruktion allerdings erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten - ein Umstand, der sich bis in die heutigen Tage allerdings nicht wesentlich gebessert hat.

Erste, mit heutiger Baustatik vergleichbare Berechnungsgrundlagen kamen erst rund 300 Jahre nach dem Ende der Gotik auf; „Mit dem beginnenden 19, Jahrhundert fängt die theoretisch-wissenschaftliche Behandlungsweise bautechnischer Probleme allmählich an.“ – [Straub Bauingenieurskunst] S. 161. Als der erste Pionier moderner Baustatik gilt Louis Marie Henri Navier (1785-1836) – vgl. ebd. S. 209. „Von den ältesten Zeiten bis ins 18. Jahrhundert hinein waren die Baumeister Handwerker geblieben, die bei der Formgebung und Bemessung auch bedeutender Tragwerke gewissermaßen »naiv« verfuhren, das heißt nach ihrem architektonisch-statischen Gefühl konstruierten.“ – ebd. S. 16 Man spricht daher auch von einer „gefühlsmäßigen Statik des Mittelalters“ – ebd. S. 16.

Das ist umso bemerkenswerter, da gerade für das prägende Stilmittel der gotischen Baukunst eine ordentlich berechnete Statik dringend vonnöten gewesen wäre. So bestand eine wesentliche Zielsetzung gotischer Baumeister darin, „mit einem Minimum an Materialaufwand ein Maximum von Raum zu umspannen und vor allem den Mittelschiffen ihrer Kathedralen jene von der mystischen Gläubigkeit ersehnte himmelstrebende Höhe zu verleihen, [...]“ – aus [Straub Bauingenieurkunst] S. 67. (vgl. hierzu auch die Online-Quelle: [Hartmann])

Alles nur ein ausgemachter Blödsinn?

Was soll dies alles nun bedeuten? Der angestellte Vergleich zwischen heutiger Softwareentwicklungstechnik und dem mittelalterlichen Kirchenbau dürfte hier und dort für Kopfschütteln sorgen. Man könnte mir vorwerfen, dass ich die Verhältnisse völlig widersinnig darstelle. So hätte doch gerade die Verwissenschaftlichung bautechnischer Probleme zu deren weitgehenden Auflösung geführt. Und die aufgezeigten Schwierigkeiten hätten nur deshalb existiert, weil es eben noch keine voll entwickelte Wissenschaft gab und davon könne doch heute gar keine Rede mehr sein.

Dieses Argument beruft sich auf Umstände, denen auch ich nicht widersprechen möchte und er trifft meinen Vergleich dort, wo er zugegebenermaßen etwas hinkt. Nichtsdestotrotz schwächt dieser Einwand meine Argumentationslinie nicht, denn er geht im Wesentlichen an ihr vorbei. Das möchte ich im Folgenden näher begründen.

Als wichtigsten Argumentationsaspekt soll mein Beispiel von den historischen Großbauten die Vorstellung entkräften, dass Wissen – faktisches Wissen im eigentlichen Sinne – eine zwingend notwendige Voraussetzung für ein einigermaßen erfolgreiches technisches Handeln darstellt. Wer mag – ich tue dies nicht –, kann mein Beispiel als eine Falsifikation im Popper’schen Sinne ansehen. Nach Popper soll ja ein einziges Gegenbeispiel genügen, um eine generelle Behauptung zu widerlegen. Diese Idee des Falsifikationismus hat zwar etwas Einnehmendes, ich halte sie aber dennoch für eine Übersimplifizierung der tatsächlichen Verhältnisse.

Als zweitwichtigsten Punkt möchte ich damit exemplarisch darstellen, zu welchen typischen Symptomen es führt, wenn keine dem Gegenstandsbereich angemessenen theoretischen Grundlagen zur Verfügung stehen. Denn dass es heute zweifellos eine Institution namens »Wissenschaft« gibt, belegt noch nicht, dass diese auch zu allen relevanten Phänomenen und praktischen Problemen schon ausreichende Antworten liefern könnte. Ein Blick zurück in die Wissenschaftsgeschichte legt eher eine andere Vermutung nahe: Zu allen Zeiten hat es mehr oder weniger viele Ungereimtheiten und Lücken in den wissenschaftlichen Aussagen der jeweiligen Zeit gegeben. Diese wurden jedoch immer erst im Lichte von neueren Theorien und Paradigmen in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar.

Das Gegenargument also, dass es heute eine Wissenschaft gibt und im Mittelalter nicht gab, dieses Gegenargument setzt meine Kernaussage — erfolgreiches technisches Handeln setzt nicht zwingend faktisches Wissen voraus —, die ich mit dem Verweis auf den mittelalterlichen Kirchenbau gestützt sehe, nicht außer Kraft.

Was steht da unter unseren Schreibtischen?

Untersuchen wir die Parallelen zwischen den beiden Bereichen noch etwas genauer. In beiden Fällen kann man feststellen, dass – jedenfalls nach derzeitigen ingenieurmäßigen Standards geurteilt – hier wie dort entweder unzureichend, gar nicht oder mit immer wieder mangelhaften Ergebnissen kalkuliert und geplant wird. Und zwar bevor man ans eigentliche Werk geht, bevor die Bau- bzw. Entwicklungsphase überhaupt beginnt. Nur so jedenfalls sind die immer wieder problematisch verlaufenden, nicht selten fehlschlagenden, oft den Kosten- und Zeitrahmen sprengenden Entwicklungsprojekte der IT-Branche zu erklären.

Aber woran liegt das? Was ist der eigentliche Grund für diese mangelhafte Planung? Es mangelt meines Erachtens nicht daran, dass der Planungsbedarf nicht gesehen wird. Die einschlägige Literatur ist voll von entsprechenden Empfehlungen, Projektplanungs- und Projektverfolgungsmodellen. Daran kann es also nicht liegen, denn angesichts der allgemein bekannten Problematik ist es doch nur nahe liegend, wenigstens versuchsweise diesen Empfehlungen zu folgen. Aber ganz offensichtlich scheint solch ein Vorgehen nur sehr bedingt Früchte zu tragen. (Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die Verhältnisse vor einigen Jahren noch katastrophaler waren als heute – es hat sich also schon einiges gebessert. Aber meiner Überzeugung nach noch nichts Grundsätzliches.)

Was meiner Ansicht nach in der Informatik fehlt, ist die theoretische Grundlage einer jeden Planung. Solange keine klaren Vorstellungen davon existieren, welche charakteristischen Eigenschaften die Gegenstände, Materialien und Werkzeuge haben, die die Objekte eines ingenieurmäßigen Entwicklungsvorhabens ausmachen, solange ist eine einigermaßen erfolgreiche Planung schon allein dadurch praktisch nicht möglich. Es fehlt einfach die Möglichkeit einer wirklich generellen Betrachtungsweise auf das Objekt; es fehlt eine allgemeine Theorie, die dem Entwicklungsgegenstand in der konkreten Praxis auch tatsächlich gerecht wird und deshalb mehr Probleme beseitigt, als die Beschäftigung damit erst einmal einbringt.

Die bereits von der Wissenschaft ersonnenen Planungswerkzeuge erfüllen diese Bedingung offensichtlich nicht, denn sie scheinen ja in der Praxis nicht ausreichend zu funktionieren. Flussdiagramme und Struktogramme sind nur die ältesten und krassesten Beispiele solcherlei akademisch verfehlten Planungshilfen. Generationen von Informatikstudenten wurde nahe gelegt, sich ihrer Hilfe zu bedienen und Generationen haben sich gegen ihre Verwendung gesträubt. Denn der Praktiker merkt schnell, dass sie mehr behindern als unterstützen. Wenn überhaupt, dann werden sie meist im Nachhinein erstellt. Man stelle sich vor, so würde es in der Architektur zugehen: Erst wird das Haus gebaut und dann wird deren Zeichnung erstellt.

Das Problem besteht also nicht in erster Linie in unwilligen Softwareentwicklern, die lieber basteln als systematisch planen – nun gut, davon gibt es zugegebenermaßen im Softwarebereich allerdings auch recht viele (hier stellt sich dann allerdings die Frage nach Ursache und Wirkung). Das eigentliche Problem aber liegt darin, dass man noch keine passende Abbildungsmethode gefunden hat, wie denn nun Informationsverarbeitungsprozesse – oder was auch immer in einem Computer real stattfinden mag – in ihrer generalisiertesten Form angemessen darzustellen sind. Und das liegt wiederum daran, dass man nicht weiß, welche Naturbeschaffenheit dieses Ding eigentlich hat, das da unter unser aller Schreibtischen steht. Mit dem verpönten Wesensbegriff gefragt: Was ist das eigentliche Wesen eines Computers?

Erkenntnistheoretische Folgerung

Schauen wir uns auch die andere von mir abgeleitete Grundaussage näher an. Denn auch, wenn wir den Vergleich mit der Informatik ganz außer Acht lassen, dann wird mit dem Verweis auf den mittelalterlichen Kirchenbau immer noch ein recht überzeugendes erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Phänomen und Argument erkennbar. Da es aufzeigt, dass Handlungserfolg und Wissen – im eigentlichen Sinn dieses Begriffs – nicht zwingend Hand in Hand gehen müssen, greift es das beste Argument an, dass die Wissenschaft für sich ins Feld führen kann: ihre nach außen sichtbaren und nicht wenig beeindruckenden Erfolge. D.h. es bezweifelt nicht die Erfolge als solche – dieses sei einfach zunächst dahingestellt – sondern es zweifelt die Rückführung dieser Erfolge auf objektives Wissen an.

Und es ist gerade eben diese Rechtfertigung, dieser Verweis auf die Erfolge, die meiner Überzeugung nach jeder, bewusst oder unbewusst, heranzieht, der von der Möglichkeit der Erlangung von objektiv-wissenschaftlichen Erkenntnissen überzeugt ist. Die gescheitesten unter diesen Überzeugten haben immer wieder versucht, Gründe dafür anzugeben, wie diese Möglichkeit zu rechtfertigen wäre. Nach diesen Gründen wird daher schon lange gesucht und nicht wenige glaubten, sie angeben zu können. Humes Empirismus, Kants Transzendental-Philosophie, der Positivismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts und das Falsifikationskriterium Poppers sind wohl die bekanntesten Fälle von Begründungs- und Rechtfertigungsversuchen zugunsten der Wissenschaft.

Doch gegen alle diese Theorien und Positionen wurden im Laufe der Zeit immer mehr Einwände, Gegenbeispiele und Unplausibilitäten vorgebracht, die auch meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen sind. Und die Ergebnisse der Wissenschaftsgeschichte und ihre wissenschaftstheoretische Interpretation haben gerade in den letzten Jahrzehnten ein eher problematisches Bild eben dieser Wissenschaftsgeschichte gezeichnet. Ein Bild das mit unseren Vorstellungen von Wissenschaft, wie sie ist oder zumindest sein sollte, wenig Gemeinsamkeiten hat. Es sei allerdings auch darauf hingewiesen, dass es dazu mitunter recht unterschiedliche Meinungen gibt und meine Sichtweise nicht unbedingt identisch mit der derzeit Vorherrschenden ist. Die Mehrzahl der tätigen Wissenschaftler dürfte wohl fest von der Durchführungsmöglichkeit einer objektiven Wissenschaft überzeugt sein.

So stehen wir also letztlich vor dem Mysterium der Wissenschaft: Es fällt schwer, nicht an sie zu glauben, da sie teilweise mit sehr beeindruckenden Ergebnisse vor ihr staunendes Publikum tritt (das allerdings zu einem nicht unerheblichen Teil aus ihr selbst besteht). Gleichzeitig muss dieser Glaube ein Glaube bleiben, weil es keine plausible Erklärung dafür gibt, wie die Wissenschaft tatsächlich zu objektivem Wissen kommen könnte.

Wer aber nun sagt: Papperlapapp, die Sache liegt doch auf der Hand und benötigt keine weitere Begründung mehr, der verhält sich wie der Anhänger einer jeden Religion oder Weltanschauung, der seinen Glauben für nicht zu hinterfragendes Wissen hält. Eine Wissenschaft ohne plausible Begründung der Wissenschaftlichkeit kann keine wirkliche Wissenschaft sein und zur Zeit haben wir keine solche plausible Begründung. Auch wenn der Wissenschafts-Mainstream von diesem Faktum keine Notiz nimmt.

Das Beste und auf den ersten Blick Überzeugendste, was die Wissenschaft zu ihrer Legitimierung vorzuweisen hat, sind ihre nach nach außen sichtbaren und nutzbaren Ergebnisse in den verschiedendsten Anwendungsfeldern. Der Maßstab der Nützlichkeit und Anwendbarkeit ist aber alles andere als ein zuverlässiger, denn die Maßstäbe, was wir als nützlich und sinnvoll ansehen, werden in weiten Grenzen durch unser wissenschaftliches Weltbild selbst geprägt und definiert. Wir glauben eben auch deshalb an die Wissenschaft, weil wir gelernt haben, die Welt durch ihre Brille zu sehen.

Meine noch vorzulegende Informationstheorie ist in der Lage, hierzu einige klärende Gesichtspunkte beizutragen, da aus ihr eine ganze Reihe von erkenntnistheoretischen Folgerungen abzuleiten sind. Mit dem Beispiel der technischen Entstehungsgeschichte der historischen Sakralbauten sehe ich unter anderem auch eine phänomenologische Untermauerung der epistemologischen Implikationen meiner Informationstheorie als gegeben an.

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Lesen Sie bitte weiter in dem Artikel »Vom Logikgatter zum Datenbankmodell«. In ihm wird untersucht, inwieweit die bereits vorhandenen Theorien der Informatik uns etwas über die Essenz des Computers und die eigentliche Natur der Informationsverarbeitung sagen.

 

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